UNTERNEHMERTAG

Bildlegende: Wir müssen die Wirtschaft neu denken: Wirtschaftsphilosoph Anders Indset.

«Wir brauchen ein neues Betriebssystem
für die Wirtschaft»

Anders Indset fordert seit langem ein neues Betriebssystem für die Wirtschaft und hat die Symptome der Krise früh erkannt. Die Corona-Pandemie hat ihn in seiner Haltung bestärkt. Interview: Patrick Stahl

Herr Indset, Sie jetten normalerweise für Vorträge um die Welt und erklären Ihren Zuhörern die Zukunft. Wie haben Sie persönlich die Corona-Pandemie erlebt?

Ich habe die Zeit als eine «Stillzeit» erlebt und durfte mich darüber freuen, in welch gutem System wir uns hier im deutschsprachigen Raum befinden. Es macht mich glücklich, zu sehen, mit welcher Freude die Menschen nach drei bis vier Monaten wieder ihre Oma besuchen dürfen oder wie soziale Kontakte geschätzt werden. Ich konnte diese Zeit auch selber zum Reflektieren nutzen. Corona hat zahlreiche Symptome zum Vorschein gebracht, die wir in den vergangenen Jahren oder sogar Jahrzehnten vernachlässigt haben. Ich habe versucht, mich vom gängigen Reflex aus Aktionismus und Panikmache zu lösen und stattdessen über die langfristigen Auswirkungen nachzudenken. Die Zeit so aufzuarbeiten, hat mir die Möglichkeit gegeben, ein neues Buch zu schreiben, mit dem ich mich in der Tiefe mit den aktuellen Symptomen der Gesellschaft auseinandersetze.

Welche Symptome meinen Sie konkret?

Wir leben in Zeiten eines ökologischen Kollaps und stehen am Anfang eines digitalen Tsunamis. Unser Ressourcenverbrauch und unsere ganzen Systeme sind auf Endlichkeit ausgelegt. Dabei müssen wir jetzt lernen, die Wirtschaft und die Welt als etwas Unendliches zu betrachten. Wir leben in einer Parallelgesellschaft mit vielen Paradoxien. Wir brauchen jetzt mehr Erfindergeist und Chaos und gleichzeitig mehr Stabilität. Wir brauchen mehr Regionalität und Selbstversorgungsfähigkeit und gleichzeitig müssen wir bei der Verbindung der Welt über Bits & Bytes den Turbo einschalten. Wir haben das Thema Globalisierung an sich völlig falsch verstanden.

Können Sie uns ein Beispiel geben?

Wir sehen auf der einen Seite, dass wir viele Produkte noch manuell herstellen welche in Zukunft automatisiert, von Robotern hergestellt werden. Auf der anderen Seite werden viele dieser Produkte wie etwa Teile aus der Automobilindustrie für Motoren nicht mehr gebraucht. Die Getriebe der Elektrofahrzeuge benötigen etwa noch ein Zehntel der Menge an Teilen, die wir heute in einem Benziner benötigen.

Welche Lösung sehen Sie?

Uns stehen grosse Veränderungen bevor, und deshalb brauchen wir jetzt ein neues Betriebssystem für die Wirtschaft. Es geht vor allem um Technologie. Wir stehen vor einem digitalen Tsunami in den kommenden fünf bis zehn Jahren. Die Corona-Pandemie hat diesen Prozess massiv beschleunigt. Homeoffice, Homeschooling und Online-Handel sind die grossen Gewinner der vergangenen Monate, das ist aber erst der Anfang. Es entstehen grosse neue Chancen, aber es lauern auch eine Menge Risiken. Technologie ist nicht gut oder böse, sondern funktioniert nach den Regeln des Menschen. Noch haben wir es selbst in der Hand, wie wir den digitalen Wandel gestalten. Grosse philosophische Fragen über Wissen, Hoffnung und Sinn werden jetzt wichtiger.

Wie wollen Sie dieses Ziel erreichen?

Es braucht einen kollektiven Bewusstseinswandel für eine humanistische Form des Kapitalismus. Zudem brauchen wir eine rebellische intellektuelle Revolution. Viele Menschen sind angesichts der Corona-Pandemie stark verunsichert und noch herrscht eine Art Taubheitsgefühl bezüglich dem was kommt. Es gibt zwei Seiten der Medaille. Auf der einen Seite steht die Angst vor dem Virus, dass im schlimmsten Fall weitere Hunderttausende Opfer weltweit fordern könnte. Auf der anderen Seite steht die Sorge, dass wir die Wirtschaft an die Wand fahren und Massenarbeitslosigkeit droht. Beide Standpunkte haben ihre Berechtigung und sind trotzdem nicht miteinander vereinbar. Die Menschen suchen in komplexen Zeiten nach Klarheit und Orientierung. Wir brauchen wieder mehr positive Erzählungen, welche die komplexen Zusammenhänge zu einer starken Vision vereinen.

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