UNTERNEHMERTAG

Bildlegende: Wachstum führt zu erheblichen Kollateralschäden: Ökonom Mathias Binswanger.

«Ohne Staatshilfen wären wir
längst in einer Abwärtsspirale»

Ökonom Mathias Binswanger spricht am Unternehmertag zum Thema «Wachstumszwang». Im Interview erklärt er,
warum die Weltwirtschaft nach der Corona-Krise wieder wachsen muss, um das System am Laufen zu halten.
Interview: Patrick Stahl

Herr Binswanger, die Corona-Pandemie hat das weltweite Wirtschaftswachstum abrupt gestoppt. Wie wichtig ist es, die Wirtschaft rasch wieder in Gang zu bringen?

Das ist wichtig, weil die Wirtschaft sonst schnell in eine Abwärtsspirale gerät. Dabei gehen immer mehr Firmen Konkurs, was zu steigender Arbeitslosigkeit, Rückgang von Konsum und Investitionen und wiederum weiteren Firmenkonkursen führt. In dieser Abwärtsspirale wären wir jetzt schon, wenn nicht der Staat kurzfristig mit Hilfskrediten und der Möglichkeit zur Kurzarbeit eingesprungen wäre.

Sie vertreten die These, dass Wachstum notwendig ist, um unser Wirtschaftssystem am Laufen zu halten. Wie kommen Sie zu dieser Ansicht?

Mit der industriellen Revolution vor etwa 200 Jahren kam es zu einer fundamentalen Änderung der wirtschaftlichen Produktion. Seither ist es möglich, die Produktion durch Investitionen in weiteres Kapital wie Maschinen, Anlagen, Computer oder Roboter immer weiter auszudehnen. Das war der Beginn des Wirtschaftswachstums, welches zu einem integralen Bestandteil moderner Wirtschaften geworden ist. Doch stetiges Wachstum ist in heutigen Wirtschaften abgesehen von gelegentlichen Krisen nicht nur möglich, sondern auch systemnotwendig. Nur in einer wachsenden Wirtschaft kann eine Mehrheit von Unternehmen auf Dauer Gewinne erzielen.

Sie plädieren in Ihrem Buch «Der Wachstumszwang» dafür, langsamer zu wachsen. Was wäre denn ihrer Ansicht nach ein optimales Mass an Wachstum?

Es gibt heute ein fundamentales Dilemma. Auf der einen Seite beobachten wir, dass Menschen in hochentwickelten Ländern mit weiterem Wachstum im Durchschnitt nicht mehr glücklicher werden. Und wir sehen, dass das Wachstum zu erheblichen Kollateralschäden in der Umwelt führt, wie das Problem der Klimaerwärmung zeigt. Andererseits ist das Wachstum aber notwendig, weil die Wirtschaft sonst nicht richtig funktioniert. Allerdings muss das Wachstum nicht stets maximal sein. Ein optimales Mass an Wachstum berücksichtigt auch das Wohlergehen von Mensch und Umwelt und verzichtet auf Wachstumsmöglichkeiten, die diesem schaden.

Was würde denn konkret passieren, wenn die Wirtschaft langfristig stagniert?

Dann gerät die Wirtschaft schnell in eine Abwärtsspirale. Da einige Unternehmen keine Gewinne mehr machen, müssen sie ihre Tätigkeit einstellen, was zu mehr Arbeitslosigkeit und weniger Nachfrage nach Produkten von anderen Unternehmen führt. Dadurch bekommen weitere Unternehmen Probleme und wir haben eine Kaskade von steigender Arbeitslosigkeit, sinkender Nachfrage und immer mehr Unternehmenszusammenbrüchen.

Könnte es sein, dass die Gesellschaft sich bewusst für Wachstum entscheidet, um ihre Konsumbedürfnisse stillen zu können?

In hochentwickelten Ländern wird das Wachstum nur noch wenig durch die Bedürfnisse der Konsumenten getrieben. Unternehmen müssen erhebliche Anstrengungen aufwenden, damit der Konsum weiterwächst. Die Bedürfnisdeckung wurde abgelöst durch Bedürfnisweckung.

Welche Rolle können neue Technologien und Innovationen spielen, um die negativen Folgen des Wachstums abzumildern?

Sie können dazu beitragen, dass sich das Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch und Schadstoffemissionen entkoppelt. Inwieweit das  tatsächlich möglich ist, dazu gehen die Meinungen stark auseinander.

Liechtenstein und die Schweiz gehören zu den reichsten Staaten der Welt. Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen der Kleinheit eines Staates und dem Wachstum?

Kleine Länder können sich stärker auf gewisse Tätigkeiten spezialisieren, mit denen man auf dem Weltmarkt viel Geld verdient. Das haben sowohl Liechtenstein als auch die Schweiz erfolgreich getan. Allerdings ist das Wachstum dann stark vom Export abhängig.

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